Nach 3:34 Stunden heißt es wieder 2:3

Bild TSV: Getragen von der frenetischen Unterstützung des Publikums  gewann der extrovertierte Filip Zeljko gegen Nationalspieler Ricardo Walther. Bild TSV: Getragen von der frenetischen Unterstützung des Publikums gewann der extrovertierte Filip Zeljko gegen Nationalspieler Ricardo Walther.

Filip Zeljko setzt mit seinem Sieg gegen Ricardo Walther ein Ausrufezeichen

Bad Königshofen(rd) Wer vier starke Spieler hat, davon einen überragenden, der kann das Handicap seines Gegners, der überhaupt nur drei in der Halle hat, taktisch ausnutzen. Und dennoch: Wenn nach drei Stunden und 34 Minuten im fünften Satz des Entscheidungsdoppels beim Stand von 9:9 zwei dreckige Bälle über Sieg und Niederlage entscheiden, dann gab es keine bessere und keine schlechtere Mannschaft. 7:2 hatten Filip Zeljko und Bence Majoros im fünften Satz dieses Hochspannungsdoppels geführt. Dann schlug die Tischtennis-Schicksalsgöttin unbarmherzig zu, sprich, sich voll und ganz auf die Seite der Grünwettersbacher Gnanasekaran/Qiu, die beide schon ihr Einzel gewonnen hatten. Nichts wurde es mit dem dritten Heimsieg in Folge und das nach 2:0 gewonnenen Spielen für die Königshöfer vor der Pause.

Spätestens jetzt war allen 483 gleichermaßen enttäuschten wie begeisterten Zuschauern in der Shakehands Arena klar, was der Aufstellungs-Poker der Gäste vorgesehen hatte: Der Inder Sathiyan Gnanasekaran, zurzeit noch die Nr. 31 der Weltrangliste mit steil aufsteigender Tendez, sollte zwei Spiele gewinnen, wobei das fünfte, das Doppel, das wichtigste sein würde. Also gönnte man sich den Luxus, ihn zunächst auf der Bank zu lassen und dann für Bojan Tokic einzuwechseln. Erst die allerletzten zehn Sekunden der Partie erklärten diese Strategie für richtig.

Doch was war denn da gestern los in diesem Tischtennis-Hexenkessel! Die allermeisten der Fans waren gekommen, auch ohne Mizuki Oikawa ein schönes Spiel zu sehen und hatten sich mehr oder weniger mit einer Heimniederlage arrangiert. Doch dann trat der Lokalmatador Kilian Ort in die Manege und gewann gegen das Geburtstagskind des Tages Bojan Tokic, gegen den er noch nie gewinnen konnte. Teil 1 der ASV-Taktik, dass außer Gnanasekaran nur ein Einzel gewonnen werden musste, war damit dahin. Ort spielte in dem zunächst taktisch geprägten Kampf sensationell. Mit gutem Auge und sicherer Antizipation jagte er Tokic mit Hochgeschwindigkeits-Tischtennis durch die Box, mit Topspins, Gegenspin und wieder Gegenspin, bis er ihn sich zum Abschuss zurecht gelegt hatte. Wobei die ersten drei Sätze enge Kisten waren, der vierte eine klare Sache für den Hausherrn Ort. Bei der Flasche Sekt zum Geburtstag bei der Vorstellung sollte es also bleiben, 1:0 für den TSV!

„Was ist denn da los?“ warf der Hallensprecher Jürgen Halbig nach dem ersten Satz von Filip Zeljko gegen den WR-37., den Nationalspieler Ricardo Walther, in den Raum. Der Oikawa-Ersatz, der in fünf Einsätzen noch kein Spiel gewonnen hatte, spielte auf wie nie. Es war vermutlich seine vorletzte Chance (nur noch in Saarbrücken am 21. Januar), sich als Backup für die nächste Saison zu empfehlen. Angeblich soll er sein Trainingspensum in Kroatien erhöht haben und habe auch nach langer Abstinenz wieder einmal für ein internationales Turnier, die Hungarian Open, gemeldet – um sich Wettkampfhärte für entscheidende Situationen zu holen. Denn eigentlich beherrscht er jeden Schlag, aber nicht die mentale Härte, wenn´s eng wird.

Doch diesmal gewann der extrovertierte Filip, getragen von der frenetischen Unterstützung des Publikums, den ersten Satz 13:11, verlor den zweiten 8:11, gewann den dritten 11:7. So weit war er noch nie in dieser Saison, fehlte nur der Punkt auf das i, der erste Sieg. Er tüte ihn ein mit zwei 11:7-Sätzen, in denen er riskant-sanfte und gefährlich scharfe Aufschläge variierte, sich damit in die Offensive brachte und mit knallharten Vorhandschüssen Walther entnervte. 2:0 für den TSV zur Pause und „nur“ noch ein Punkt zur großen Überraschung. Doch keine Mannschaft hat diese Saison so viele Spiele mit 3:2 gewonnen oder verloren wie Grünwettersbach. Als der Inder sich einspielte, begann das Rätsel für Regel-unkundige Zuschauer. Doch zunächst brachte Dang Qiu die Gäste ins Spiel zurück. Nach einem Krimi in den ersten drei Sätzen gegen Bence Majoros, der mitunter so gut wie noch nie als Königshöfer spielte, ließ er dem jungen Ungarn im vierten und fünften Durchgang keine Chance – nur noch 2:1.

Jetzt blieb Tokic auf der Bank. Dafür entzauberte die Feder aus Indien, der 50-kg-Irrwisch Gnanasekaran, mit einer sensationellen Vorstellung den Königshöfer Teamleader Kilian Ort mit 3:1. Ort enttäuschte keinesfalls, aber er schien total enttäuscht. Er wollte die Kiste zumachen. Die hätte aber vermutlich Oikawa auch nicht zu bekommen. Das hätten ums Haar Majoros/Zeljko geschafft, was die allergrößte Überraschung gewesen wäre. Doch wo nahmen die nur ihr Selbstbewusstsein her? Rotzfrech kämpften sie sich wie gebürtige Königshöfer in die Partie hinein, als wollten sie es für immer bleiben. 14:12 im ersten Satz, dann zwei schnell verlorene und zurück in die Partie mit 11:8 im vierten. Bis 7:2 im fünften knisterte das Feuer, loderte die Hoffnung, brannte die Leidenschaft des Publikums - wie gegen Düsseldorf. Dann wurde ihnen völlig humorlos der Sauerstoff abgedreht.

Ergebnisse:

Ort – Tokic          3:1   (11:8/11:9/8:11/11:6)
Zeljko – Walther  3:1   (13:11/8:11/11:7/11:7)
Majoros – Qiu     2:3  (11:7/10:12/11:9/4:11/4:11)
Ort – Gnanasekaran      0:3  (4:11/7:11/10:12)
Majoros/Zeljko – Gnanasekaran/Qiu    2:3  (14:12/4:11/8:11/11:8/9:11)
Oberschiedsrichter: Roland Vogt
Zuschauer: 483

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